"Ein Kind auffangen…" – Familie Averberg über ihr Leben mit Pflegekind
"Ein Kind auffangen…" - Familie Averberg über ihr Leben mit Pflegekind
Der Weg zur Pflegefamilie
SkF: Familie Averberg, vielen Dank, dass Sie uns heute Einblick in Ihr Leben geben. Können Sie sich zunächst kurz vorstellen und erzählen, wie alles begann?
Judith Averberg: Gerne! Ich bin Judith Averberg, 46 Jahre alt und Lehrerin. Wir haben drei Söhne im Alter von 12, acht und sieben Jahren.
Ulrich Averberg: Und ich bin Ulrich Averberg, 51 Jahre alt und Landwirt. Ich führe unseren Hof im Nebenerwerb. Meine Mutter wohnt auch bei uns und unterstützt uns tatkräftig.
Judith Averberg: Wir hatten bereits einen Sohn und wünschten uns ein zweites Kind. Da es auf natürlichem Wege nicht so einfach funktionierte, kam uns der Gedanke einer Adoption. Beim Jugendamt wurden wir dann auf die Möglichkeit der Pflege aufmerksam gemacht. Nach reiflicher Überlegung und einem Vorbereitungskurs für angehende Pflegeeltern stand unser Entschluss fest. Bereits ein halbes Jahr später, in den Herbstferien 2016, erhielten wir den Anruf, der unser Leben verändern sollte.

SkF: Wie lange dauerte es von diesem ersten Anruf bis zur tatsächlichen Aufnahme des Pflegekindes?
Judith Averberg: Zunächst lief alles reibungslos, aber dann mussten wir noch eine juristische Hürde nehmen. Am 7. April 2017 konnten wir unseren Pflegesohn dann in unsere Familie aufnehmen. Unser erster Sohn war zu diesem Zeitpunkt fast fünf Jahre alt.
Drei Kinder unter einem Dach
SkF: Kurz darauf kam überraschend noch ein drittes Kind dazu.
Judith Averberg: Ja, genau. Als feststand, dass unser Pflegesohn im April zu uns kommt, erfuhr ich, dass ich schwanger bin.
SkF: Hat diese Nachricht Ihre Entscheidung beeinflusst?
Ulrich Averberg: Überhaupt nicht! Für uns hat sich dadurch nichts geändert.
Judith Averberg: Auch das Jugendamt hat positiv reagiert. Für uns war es sogar ein großer Gewinn, zwei Kinder im ähnlichen Alter großzuziehen. Die beiden Jüngsten sind nur 17 Monate auseinander, spielen wunderbar zusammen und haben ein sehr enges Verhältnis.
SkF: Wie haben Sie den Alltag mit drei kleinen Kindern organisiert?
Judith Averberg: Mein Mann hat sich hauptsächlich um unseren Pflegesohn gekümmert, während ich mich um unseren neugeborenen Sohn kümmerte. So konnten wir eine klare Bindung aufbauen. Beruflich habe ich meine Arbeit als Lehrerin in Vollzeit wieder aufgenommen, während mein Mann den Hof und die Kinder betreute. Durch meine Schwiegermutter hatten wir eine wertvolle Unterstützung.
SkF: Wie lief der Prozess der Aufnahme ab?
Judith Averberg: Wir wurden von Anfang an sehr gut begleitet. Nach einem ersten Gespräch gab es einen Hausbesuch und einen Vorbereitungskurs für Pflegeeltern. In jedem Gespräch wurde reflektiert, ob wir auf dem richtigen Weg sind.
SkF: Hatten Sie Bedenken, dass es sich "nur" um ein Pflegeverhältnis und keine Adoption handelt?
Judith Averberg: Uns war wichtig, dass unser Sohn dauerhaft bei uns bleibt. Diese Bedenken haben wir auch klar geäußert.
Ulrich Averberg: Viele Menschen wissen nicht, dass bei einer Dauerpflege das Kind dauerhaft in der Familie bleibt und eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie unwahrscheinlich ist. Zudem gibt es Pflegegeld und Unterstützung. Wir stehen in regelmäßigem Kontakt mit dem SkF, um die Entwicklung zu besprechen und bei Problemen Unterstützung zu erhalten. Das ist ein großer Vorteil gegenüber einer Adoption.
Herausforderungen und Glücksmomente
SkF: Welche positiven Erfahrungen haben Sie im Laufe der Zeit gemacht?
Judith Averberg: Wir haben sehr gute Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht. Unser Pflegesohn hat unsere Familie unheimlich bereichert. Er ist sehr musikalisch, liebenswert und man bekommt sehr viel zurück.
Ulrich Averberg: Es ist schön zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln und ihren Platz in der Familie finden.
SkF: Was würden Sie anderen Menschen mit auf den Weg geben, die überlegen, ein Pflegekind aufzunehmen?
Ulrich Averberg: Einfach auf den Weg machen! Sprechen Sie mit dem Jugendamt und/oder dem SkF, nehmen Sie die Gespräche wahr und überlegen Sie, ob es das Richtige für Sie ist. Vielleicht ist es auch eine Alternative zur Kinderwunschbehandlung.Auch Einzelpersonen können Kinder aufnehmen.
Judith Averberg: Haben Sie keine Angst vor Kontrolle durch das Jugendamt. Es geht um Unterstützung und Kinderschutz. Die Mitarbeitenden wollen den Familien nichts Böses.
Eine schöne Anekdote noch zum Schluss: Als wir unserem ältesten Sohn erzählten, dass möglicherweise ein Pflegekind in unsere Familie kommt, sagte er: "Wenn uns der liebe Gott ein Kind runterwirft, dann müssen wir das doch auffangen."
Hintergrundinformationen und Statistiken
Pflegekinder in Deutschland
Laut Statistischem Bundesamt lebten Ende 2023 rund 90.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland in Pflegefamilien.
Die Zahl der Kinder, die in Pflegefamilien untergebracht werden, ist in den letzten Jahren gestiegen. Dies liegt unter anderem daran, dass Jugendämter verstärkt auf die Unterbringung in Familien setzen, um Kindern ein stabiles und förderliches Umfeld zu bieten.
Pflegekinder haben oft schwierige Erfahrungen gemacht und benötigen besondere Unterstützung und Zuwendung. Pflegeeltern spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Förderung dieser Kinder.
Der SkF e.V. im Kreis Warendorf
Der Pflegekinderdienst des SkF begleitet und berät Pflegefamilien und vermittelt Kinder in geeignete Familien. Der SkF unterstützt Pflegefamilien bei Bedarf zum Beispiel bei Schulgesprächen, Begleitung der Kontakte zum Herkunftssystem, bietet Hilfeplangespräche und Schulungen